Dienstag, 13. April 2010

Reisesplitter Ost-Süd-Ost #013: das blaue Zimmer

Gedanken, Erlebnisse, Tipps & Beobachtungen aus meinen Reisenotizen der letzten 10 Jahre

Kaffeetrinken in Bosnien-Herzegowina

Es ist schon etwas länger her. 22 Jahre, um genau zu sein, aber ich kann mit einiger Sicherheit sagen, dass sich nicht viel daran geändert haben dürfte. Ich war mit drei Freunden – insgesamt zwei Jungs, zwei Mädchen - in einem uralten VW-Bus unterwegs quer durch das Land, dass damals noch Jugoslawien hieß. Der Begriff Bosnien war zu jener Zeit hauptsächlich durch die gleichnamige Wurst bekannt und innerhalb dieses wildromantischen Landes wäre noch kaum jemand auf die Idee gekommen, seinen Nachbarn zu erschießen, es sei denn aus ganz privaten Gründen.

Wie auch immer, wir hatten in irgendeinem kleinen Ort im Hinterland eine Pause eingelegt und schlenderten durch die Menschenleeren Gassen, vorbei an weiß getünchten Gartenmäuerchen und zweistöckigen Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäusern, von denen zwar der Putz bröckelte, die aber eine sonnige Würde ausstrahlten, die an maurische Bauten in Spanien erinnerte.

Vor einem besonders prächtig bemalten Haus blieben wir etwas länger stehen und machten ein paar Fotos, als sich plötzlich das Gartentor öffnete. Ein älterer Herr trat heraus und sprach und ohne zu zögern auf Deutsch an. Er fragte, woher wir kämen und wohin wir wollten. Wir gaben ihm Auskunft darüber und erklärten auch, dass uns sein Haus so besonders gut gefallen hätte.

Die weitere Unterhaltung fand bereits in seinem Wohnzimmer statt. Auf einem großen, enorm plüschigen Teppich saßen wir auf nicht weniger weichen Sitzkissen, bekamen von seiner Frau heißen Tee serviert und sprachen über, im Wahrsten Sinne, Gott und die Welt.
Der Gastfreundliche Herr hatte – natürlich – einen Teil seines Lebens irgendwo im Ruhrgebiet als Taxifahrer gelebt, war dann aber in Jugoslawien wieder seinem gelernten Beruf als Lehrer nachgegangen und nunmehr in Pension. Wir sprachen über Helmut Kohl und Gorbatschow, über Christoph Daum, damals noch 1.FC Köln und den Erzfeind Jupp Heynckes, seiner Zeit bei den Bayern. Über griechische Mythen, denn Griechenland war das eigentliche Ziel unserer Reise und über moderne Popmusik, der der Herr nicht so viel abgewinnen konnte, die er aber dennoch laut aus dem Zimmer seiner Enkeltochter ertrug.

Das Einprägsamste war aber die Decke des hohen, zu zwei Seiten hin mit großen Fenstern versehenen Hauses, die mit einem abstrakten Mosaik in einer Million Blautönen bedeckt war. Ein Mosaik, dass man wahrscheinlich solange studieren hätte können, wie den nächtlichen Sternenhimmel über der Herzegowina, und doch hätte man immer noch einen neuen Stein, eine neue Farbchangierung entdeckt.

Der tatsächliche Himmel war dann auch schon spät dämmernd, als wir das Haus wieder verließen, uns verabschiedeten, wie von alten Freunden und uns langsam zurück zu unserm Wagen und gleichzeitig irgendwie erst ebenso langsam zurück in eine andere Realität kehrten.

Ich frage mich heute oft, ob der freundliche Herr, dessen Namen ich natürlich leider längst vergessen habe, seine Familie und sein kleines, stolzes Haus wohl den absurden und unmenschlichen Krieg der folgenden Jahre heil überstanden haben. Ich hoffe es sehr. Ich habe dort eines der offensten Tore zur Welt erlebt. Ein Brücke, die aus Tradition, Herkunft, Religionen und Generationen nichts Trennendes, sondern etwas Verbindendes machte. Ich hoffe, das Tor und die Brücke stehen noch. Und nicht nur dort, in einem kleinen Dorf auf dem Balkan.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen