Donnerstag, 10. Juni 2010

Weges-Rand-Notizen: Auf den Spuren des Dregenios III

Dritter Tag, Mo. 8.6.2010

Seit heute habe ich das Gefühl, nun doch schon weit weg zu sein. Die heimatlichen Erhebungen, die Karpatenausläufer an der slowakischen Grenze und auch das Wiener Becken sind jetzt nicht mehr zu sehen und zuweilen ertappe ich mich dabei, überrascht zu sein, dass die wenigen Menschen, die mir unterwegs begegnen, meine Sprache verstehen.

Wir haben heute eine etwas kürzere Etappe gewählt, nachdem mich Brook gestern Abend nicht mal mehr zum Essen begleiten wollte und mein eigener Kopf von der reichlichen Sonnenbestrahlung, auch einigermaßen brummte. Daher sind mir auch die aufziehenden und ab und an auch ein wenig bedrohlich wirkenden Gewitterwolken gar nicht unrecht. Zumal sie dann doch nicht losgewittern und nur ein paar wenige, erfrischende Sprühtropfen fallen lassen. Ansonsten gibt es am Himmel ein interessantes Wechselspiel mit viel Licht und Schatten, was meine Fotorate sprunghaft ansteigen lässt.

Erkenntnisse: wenn man sich einmal in den Fußmarschrhythmus eingewöhnt hat, verschieben sich einige Verhältnisse. Während man normalerweise denkt, ‚zwei Stunden bis da-und-dort-hin laufen? Oh Gott ist das weit’, sind jetzt zwei Stunden wie im Flug vorbei.
Ich bekomme langsam ein neues Gefühl für die Entfernungen zwischen den Orten. Obwohl ich ja auch sonst, an Wochenenden, viel wandernd mit dem Hund unterwegs bin, ist es doch ein Unterschied, ob man halt eine angenehme Sonntagsrunde dreht, die sich im Zweifel auch verkürzen lässt, oder ob man ein bestimmtes Ziel doch irgendwann erreichen muss, da man sonst keine Unterkunft hat. Überhaupt macht es einen Unterschied, mit einem entfernt liegenden Ziel unterwegs zu sein, als eine Rundwanderung zu veranstalten, wie normalerweise Ausflüge angelegt sind.

Ich werde dieses Zeit- und Entfernungsgefühl brauchen, um die Erlebnisse und Handlungen in meinem Dregenios-Roman richtig setzen zu können. Denn nicht nur die Menschen sind weitaus langsamer und die Wege weiter, wenn man ohne automotive oder sonstige Mobilität unterwegs ist. Auch die Verbreitung von Neuigkeiten und Nachrichten ist natürlich entsprechend anders gezeitet.

Und dabei habe ich jetzt immer noch zwei Vorteile, die mich heute schneller vorankommen lassen, als einem Wanderer im 5. Jahrhundert: zum einen perfektes Kartenmaterial, auf denen jeder Feldweg und jedes Schottersträßchen eingezeichnet ist. Ich weiß zu jeder Zeit exakt, wo ich bin und wo es lang geht. Wie viel Zeit es kosten kann, diese Informationen nicht zu haben, wurde mir bewusst, als ich gestern plötzlich an einem nicht eingezeichneten und verschlossenen Jagdgatter stand und nicht weiter konnte. Mal eben umdrehen und die nächste „Ausfahrt“ nehmen, bedeutet zu Fuß durchaus mal eine Stunde oder mehr zusätzlich.
Das zweit ist, dass sich die Landschaft heute doch zu einem großen Teil sehr anders präsentieren dürfte, als dazumals. Während ich vorwiegend über offene Felder und riesige Wiesen gehe, auf meist gut präparierten Wegen, dürften mein Titelheld und seine Zeitgenossen zumeist in dichten Wäldern mit wild wucherndem Unterholz auf wenig ausgebauten Pfaden unterwegs gewesen sein, häufig zugewachsen, überwuchert, kaum sichtbar. Und selbst die wenigen, aber gut ausgebauten Straßen der Römer, sind schon bald nach deren Verschinden dabei von der Natur wieder vereinnahmt zu werden.

Einen Vorteil mir gegenüber hat jedoch auch Dregenios. Er ist die Lauferei sein ganzes Leben gewohnt und entsprechend trainiert!

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