Freitag, 29. Mai 2015

Big Data und die langweiligste Show aller Zeiten!

Ein Plädoyer für schlechte Filme, miese Bücher und unerträgliche Songs.


Kennen Sie das? Sie kommen aus dem Kino und denken sich: „Wie kann das nur sein? Bei all dem Screenings, den Testvorführungen, den vielen Profis, die riesige Gehälter von den Filmstudios bekommen, dass eine Handlung so hanebüchen, ein Plot so löchrig, die Einstellungen so langatmig, der Soundtrack so billig und kurzum, der ganze Film so grottenschlecht ist?“ Sie sind verärgert. Es tut ihnen leid ums Eintrittsgeld. Genauso, wie Sie Groll hegen, wenn Sie einen neu erworbenen Roman nach 50 Seiten entnervt ins hinterste Eck Ihres Buchregals verbannen, weil Sie bereits auf Seite 20 zum erstem Mal beinahe eingeschlafen wären. „Haben denn diese Lektoren, diese Verlagsmenschen überhaupt keine Ahnung?“

Wie kann es sein, so geht es einem häufig durch den Kopf, dass bei all der Marktforschung, den vielen wissenschaftlichen Analysen, Umfragen und Untersuchungen, doch so häufig so richtig schlechte Produkte auf den Markt kommen? Bei einer neuen Kaugummisorte oder der jüngsten Lampenedition einer schwedischen Einrichtungskette mag einem das ja mehr oder weniger wurscht sein und man kann es im Zweifel noch immer mit dem Kostendruck entschuldigen. Aber bei einer 100 Millionen Dollar Kinoproduktion mit mindestens nochmal so viel Marketingbudget? Und außerdem, bei Dingen, die einem am Herz liegen, da tut es den Cineasten, den Buch- oder Musikliebhabern unter uns dann so manches Mal richtig weh!

Stichwort Marktforschung. Stichwort Big Data!


Bei einem hervorragenden Vortrag des österreichischen Oxford Professors Viktor Mayer-Schönberger zu diesem Thema habe ich unlängst gelernt, dass Google anhand der Analyse von Suchanfragen bereits im Jahr 2009/2010 quasi in Echtzeit die Ausbreitung des N1H1-Grippevirus vorhersagen und damit wesentlich zu dessen Eindämmung beitragen konnte. Die amerikanische Gesundheitsbehörden, die damals Meldungen aller Hausärzte verpflichtend machte und diese analysierte, konnte seinerzeit die Ausbreitung des Virus lediglich mit einem Zeitversatz von 14 Tagen nachvollziehen, was für die Ausbreitungseindämmung weitgehend  wertlos war.
Im selben Vortrag erfuhr ich auch, dass eine US- Warenhauskette bei der Auswertung ihrer Verkaufsdaten herausgefunden hat, dass ihre Kunden, immer dann, wenn ein Orkan oder Hurrikan angekündigt war, vermehrt Batterien und Taschenlampen kauften. Nun, das hätte jeder von uns ebenfalls und  ohne die Terrabytes an Daten vorhersehen können. Gleichzeitig hat dieses Unternehmen aber auch entdeckt, dass die Menschen bei solchen Sturmankündigungen vermehrt  zu einem ganz bestimmten Typ Fruchtpopkorn griffen. Während die Datenauswertung die Gründe für dieses Verhalten nicht liefern kann, ist das Wissen darum für die Absatzförderung natürlich sehr nützlich.

Mit Big Data, also der Auswertung immenser Datenmengen, so führte Mayer-Schönberger in seinem durchaus dialektischen Referat weiter aus, macht derzeit ein Start-Up-Unternehmen aus dem Silicon Valley, das mittels einer App Autofahrern frühzeitige Stauwarnungen geben kann, auch Big Money. Aber nicht mit den nützlichen Routenvorschlägen für die Pendler, sondern da sie erkannt haben, dass sie aus den Daten, die sie über das Fahrverhalten gewinnen, Vorhersagen über die Quartalsabschlüsse der großen Supermarktketten treffen und somit Investmentfonds einen wertvollen Wissensvorteil anbieten können.

Mittels 1.200 Messdaten, die bei Frühgeborenen mit Sensoren jede Sekunde erhoben wurden, ist es einer kanadischen Ärztin gelungen, lebensbedrohende Infektionen zu erkennen, 24 Stunden bevor die ersten Symptome auftreten. Frühchen müssen daher an diesen nun nicht mehr sterben.
Und japanische Autohersteller entwickeln gerade einen Sitz, der anhand der Vermessung Ihres Hinterns erkennt, ob Sie rechtmäßig in diesem Fahrzeug sitzen und verhindert so effektiv jeden Diebstahl.

Wenn all das möglich ist, wenn Daten, Algorithmen und Statistiken die Welt so berechenbar machen, warum gibt Warner Brothers dennoch 180 Millionen Dollar für einen Tom Cruise Film aus und pumpt noch mal so viel Werbegeld hinein, obwohl es doch wissen müsste, dass der Streifen kolossal floppen wird?

Natürlich hat oxford’sche Big Data Experte auch anschaulich auf die Gefahren und Risiken der großen Sammel- und Auswerterei hingewiesen. Spätesten bei dem Beispiel der zweiten amerikanischen Supermarktkette, die anhand des Einkaufsverhaltens erkennen kann, ob Kundinnen schwanger sind – und das häufig sogar bevor es diese selbst wissen – haben sich beim Großteil der Zuhörerschaft doch recht gemischte Gefühle eingestellt.

Aber während der Vortragende auf die Grenzen der Erkenntnisse einging und vom notwendigen Vertrauen, das Verbraucher in Unternehmen und Institutionen haben müssten, damit die Daten basierte Zukunft eine goldene wird oder überhaupt eine solche hat, ging mir angesichts all der Prognosen irgendwann ein Satz durch den Kopf, den Thomas Gottschalk vor vielen Jahren - „Wetten daß?“ war damals noch das Maß jeder TV-Unterhaltung - in einem Interview sinngemäß sagte:

Anhand der Einschaltquoten und mit Analysen des Zapp-Verhaltens des Publikums und mittels unzähliger Auswertungen wissen wir ziemlich genau, wie die perfekte Fernsehshow ablaufen müsste. Wir wissen, welche Talk-Gäste wann zu welchen Themen befragt werden sollten, welcher Musik-Act in welchem Bühnenbild auftreten müsste und welche Action für die höchsten Zuschauerzahlen sorgen würde. Und ich wette, dass wenn wir genau diese Sendung abliefern würden, wäre es die langweiligste Show aller Zeiten!

Diese Erkenntnis glaube ich unbesehen.

Und daher bin ich eigentlich dankbar, dass jemand bei Warner Brothers 200 Millionen Dollar für einen furchtbaren Sciencefiction-Film verbrennt. So gesehen, ist er die 12 Euro doch wert! Seien wir froh, dass es Verleger gibt, die auch richtig üble Machwerke auf den Markt bringen. Freuen wir uns über neue Autos, die so unproportioniert und hässlich sind, dass sie kein einziges Like auf Facebook bekämen, über Suchergebnisse auf Google, die so meilenweit von dem entfernt sind, was wir eigentlich finden wollten und ja, weil’s grade passt, seien wir glücklich, dass es auch bei supermassentauglichen Eurovisions-Events Beiträge gibt, die mit Null Punkten nach Hause gehen.

Ein Hoch auf den prognosefreien Griff ins Klo und auf das Bauchgefühl. Möge es noch lange auch mal richtig daneben liegen dürfen.

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