Mittwoch, 18. Oktober 2017

Rechts rauscht der Blätterwald

Chinas „Wahlhilfe“ für AfD und FPÖ - wie der alltäglich Journalismus den Rechtsruck befeuert. Ein offener Brief an die Redaktionen in Deutschland und Österreich. 

Wien, 18.10.2017, von Daniel Carinsson

Liebe Journalistinnen und Journalisten, verehrte Redakteurinnen und Redakteure, werte Herausgeber

Am vergangenen Sonntag gaben in Österreich rund 60% der Wahlberechtigten ihre Stimme für Parteiprogramme ab, die den rechtsnationalen Geist der FPÖ in sich tragen, wie der Chef-Freiheitliche H.C. Strache nicht zu Unrecht feststellte. Drei Wochen zuvor zog die rechtsextreme AfD als drittstärkste Fraktion in den deutschen Bundestag ein. Nach beiden Ereignissen wurden von verschiedenen Seiten auch Vorwürfe an „die Medien“ erhoben, sie hätten mit zum Erfolg der Rechtsaußen beigetragen.
Diese kritischen Anmerkungen wurden zumeist als „Medien-Bashing“ oder als „Suche nach dem Sündebock“ abgetan. In vereinzelten deutschen Blättern gab es immerhin einige Artikel, die sich mit den Schwierigkeiten der Redaktionen befassten, was ein angemessener Umgang, eine richtig dosierte Berichterstattung über die Rechten, aber auch beispielsweise über Terrorattacken sei.


Artikel über Frauke Petry sind nicht das Problem

Jedoch, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, das ist gar nicht der Punkt. Es geht gar nicht darum, ob in der ZEIT am gleichen Tag zwei, vier oder sieben Beiträge über die Zustände in der AfD erscheinen. Es ist nicht die Frage, ob ein weiteres Zitat voller nationalsozialistischem Ungeist von Herbert Kickl oder Bernd Hocke auf den Startseiten von sueddeutsche.de, standard.at oder Spiegel-Online multipliziert wird. Es ist auch nicht ausschlaggebend, ob Sie bei einer Prügelei an der Pommesbude dazu schreiben, dass einer der drei Idioten, die sich vermöbelt haben, Nigerianer ist. Es geht nicht so sehr um die großen Schlagzeilen, die Hautnachrichten. Es geht um das Grundrauschen. Um die vielen Alltäglichkeiten, mit denen Sie ihre Seiten und Sendezeiten füllen. Das Grundrauschen rauscht nach rechts!

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen aktuellen Artikel von Spiegel Plus lenken:

„Wie China den Westen abhängt“

Halten Sie einen Moment inne und denken Sie bitte einmal kurz über diese Schlagzeile, deren Wirkung und deren implizierte Aussagen nach.
Und dann über die Fakten:  1,4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen – aktuelles Bruttoinlandsprodukt Chinas 17,3 Billionen US-Dollar - schicken sich an, zu rund 850 Millionen US-Amerikanern und EU-Europäern aufzuschließen. Deren summiertes Bruttoinlandsprodukt liegt derzeit bei etwa 36 Billionen US-Dollar. Das bevölkerungsreichste Land der Erde könnte die größte Wirtschaftsmacht des Planeten werden – Skandal!

Ich möchte dem eine Aussage der österreichischen ÖVP Generalsekretärin aus der siegreichen Wahlnacht gegenüberstellen. Elisabeth Köstinger sagte kurz nach den ersten Hochrechnungen, das Wahlergebnis sein ein klarer Auftrag „Österreich wieder an die Spitze zu führen, dorthin, wo es hingehört.“

Merken Sie, wie in beidem – dem alarmistischen Bejammern des vermeintlichen Verlustes der alleinigen Weltvorherrschaft des „Westens“ und dem implizierten Anspruch einer kleinen, achtmillionen Einwohner Alpenrepublik, an der „Spitze“ zu stehen, der selbe Ungeist innewohnt? Derselbe postkoloniale Chauvinismus des „weißen Mannes“, der ein gott- oder naturgegebenes Recht für sich in Anspruch nimmt, an erster Stelle zu stehen. „Me first!“, es trumpt aus jeder Pore.

Dabei gehe ich durchaus davon aus, dass Bernhard Zand, der Verfasser des vorgenannten SPON-Artikels, ein guter Mensch ist, der allen Menschen das Beste wünscht und für Gerechtigkeit auf der Welt eintritt. Und dennoch veröffentlicht er einen Beitrag, der ebendiese Gerechtigkeit zum Problem stilisiert. Und mehr noch. Es wird einen Kampfatmosphäre abgerufen. „Die gegen uns. Wir gegen alle“. Und – obgleich der chinesische Bär als Bedrohung stilisiert wird – schwingt natürlich Bewunderung mit, wie für jeden erfolgreichen Gegner. Warum ist das Land der Mitte so erfolgreich? Genau, weil es von einem starken Mann mit eisernem Willen geführt wird, während wir – das alte Europa – diskutieren und debattieren und so aus Fernost überrollt werden. Selbst, wenn es nicht so gemeint ist, leicht lässt sich der Artikel als Ruf nach dem „starken Mann“ verstehen.

Und dann wundern Sie sich über zweistellige Wahlergebnisse der AfD und die – wahrscheinliche  Regierungsbeteiligung einer FPÖ? Sie, die sie uns Leserinnen und Leser tagaus tagein erklären, wie schlimm alles um uns herum ist? Wie schwach unsere Politiker, wie dumm unsere Volksvertreter, und wieviel besser alle anderen sind? Wundern Sie sich ernsthaft über den „Wutbürger“?

Ein vereinzeltes, willkürliches Beispiel nur? Überprüfen Sie es selbst. Scrollen Sie die Seiten der Online-Portal hinunter – auch und gerade die der Qualitätsmedien – blättern Sie die Tageszeitungen durch. Sie werden ständig das gleiche Muster finden.

Ebenfalls beliebt: der Konjunktivjournalismus. Ich male ein möglichst betrübliches Szenario an die Wand, um dann die vermeintlich Schuldigen Länge mal Breite zu kritisieren. Und nicht zu vergessen natürlich das große „ABER“. Sollte es nämlich tatsächlich einmal unvermeidbar sein, über etwas Positives zu berichten, so darf auf keinen Fall der pseudo-dialektische Hinweis auf mögliche negative Aspekte fehlen. „Deutschland ist Fußballweltmeister! ABER die Titelverteidigung könnte zum Problem werden.“ Interessanterweise wird diese vermeintliche Dialektik so gut wie nie im umgekehrten Fall angewandt. Was schlecht ist, darf schlecht bleiben.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Der Verfasser dieser Zeilen ist überzeugt, dass kritischer Journalismus ein nicht zu ersetzender, wichtiger Bestandteil jeder pluralistischen und demokratischen Gesellschaft ist. Aber Kritik nur um der Kritik willen, führt und genau dorthin, wo wir jetzt sind. In eine gefährliche Zeit. Niemand verlangt Jubelberichte. Aber die Lebenswirklichkeit der Menschen sollte sich schon in etwa in ihren Zeitungen, TV-Nachrichten, Online-News und Magazinen abbilden. Und die ist – gerade in Ländern wie Deutschland oder Österreich – sicher nicht so trüb, wie sie zumeist dargestellt wird.

Dem oben beschriebenen Artikel hätte man mit exakt denselben Fakten auch einen ganz anderen Spin geben können. Titel „Wie China die Lücke schließt“. Und dann hätte man, neben den reinen Tatsachen, ein wenig erläutern können, wie der Ausgleich von Wohlstandsgefälle Frieden sichert – und nebenbei natürlich auf lange Sicht auch Migration weniger attraktiv macht. Wäre das so schlimm gewesen?

Konstruktiver Journalismus

„Ja ja“, lese ich jetzt in Ihren Augen, „Constructive Journalism, Damit kommt ja jetzt jeder“. Feine Sache. Kommt aus Skandinavien, also kann es nicht schlecht sein. Die Frage ist nur, warum merke ich als Zeitungs- und Magazinleser nichts davon. Eine mögliche Antwort fand ich unlängst in den Redaktionsräumen einer österreichischen Gratisgazette. Dessen Geschäftsführer erklärte im Brustton der Überzeugung, sein Blatt hätte den „konstruktiven Journalismus“ schon längst erkannt und verinnerlicht. „Die Leute wollen nicht nur schlechte Nachrichten“, erklärte er der etwas ungläubigen Runde. Daher würden bei ihnen auf einer Doppelseite niemals zwei Morde vorkommen, niemals zwei Skandale, nie zwei Vergewaltigungen. Und jeder „Bad News“ wird auch etwas Positives gegenübergestellt. Hundebilder zum Beispiel. Das mögen die Leute.

Nach dieser Logik wäre die Welt also in bester Ordnung, wenn Donald Trump einfach nur nach jedem Tweet, in dem er Nordkorea oder wahlweise dem Iran mit der nuklearen Vernichtung droht, ein Bild vom Mops seines Jüngsten twittern würde, ab und an ein Küken, ein Kälbchen und alles wäre gut.
Bitte verzeihen Sie den Sarkasmus, aber so wird das nichts.
Es ist sicher nicht einfach – aber einen Versuch wert
Als in der Medienwelt Tätiger weiß ich, dass es nicht leicht ist. Als Journalist, als Redakteurin, lastet enormer Druck auf Ihnen. Sie stehen auf einem lärmenden Jahrmarkt und versuchen verzweifelt, dass jemand Sie hört. Aber wird das besser, wenn alle immer nur noch lauter plärren? Noch reißerischer, noch böser? 

„Große Macht bringt große Verantwortung“

Das Zitat ist nur einem Comic entliehen, und doch steckt viel Wahrheit darin. Medien haben Macht. Immer noch. Wäre dem nicht so, würden Präsidenten wie Erdogan oder Putin nicht reihenweise Journalisten einsperren… oder schlimmeres. Daher nutzen Sie bitte Ihre Macht! Es ist richtig, dass die Presse Politikern und „den Mächtigen“ auf die Finger schauen soll. Missstände sind aufzudecken und anzukreiden. Aber es spricht auch nichts dagegen, „der Politik“ mal zu unterstützen, beim Erklären beispielsweise. Vielleicht sie sogar ab und an auch zu loben. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, was man häufig für überraschende und großartige Dinge über führende Köpfe aus der Politik erfährt… wenn sie gestorben sind? Warum eigentlich immer erst dann? Es muss ja nicht gerade während eines Wahlkampfes sein, aber warum kann man nicht einfach mal so über ordentliche Leistungen von Mandatsträgern berichten. Von kleinen und großen Erfolgen, auch von der Mühsal, die es kostet, Interessen unter einen Hut zu bringen. Warum nicht mal einen Kompromiss als Erfolg darstellen, anstatt als Zeichen von vermeintlicher Schwäche? Warum eine hitzige Debatte in einer Fraktion, einer Partei nicht als packendes Erlebnis und Beispiel gelebter Demokratie, anstatt Lösungsfindungsprozesse wieder und wieder mit „die streiten ja nur“ zu diskreditieren?

Sicher, fast alle Qualitätsmedien haben eine Serie oder Rubrik wie „endlich verständlich“ oder „wir erklären Deutschland neu“ etc., in denen lobenswerte Aufklärung im besten Sinne betrieben wird. Aber das ist zu wenig. Ausgewogenheit darf kein Sonderprogrammpunkt sein, sie muss Eingang finden in das Grundrauschen. Denn das ist es, was sich in unser Unterbewusstsein frisst. Die Hauptschlagzeilen merken wir uns, aber das „Kleingedruckte“ formt unsere Stimmung.

Daher habe ich als simpler Leser und Bürger einen einfachen Wunsch: Lassen Sie das Glas wenigsten genauso oft halbvoll sein, wie halbleer.

#rechtsruck #journalismus #constructivejournalism #journalismuskritik #firewall 

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