Sonntag, 19. Dezember 2010

Zwischenruf: Jesusleaks oder: lasst ab von den Kreuzen

Die Geschichte zum vierten Advent ist wieder keine echte Weihnachtsgeschichte, wenngleich diesmal doch näher am Thema. Eigentlich eher eine Ostergeschichte, aber das ist ja noch so lange hin. Daher hier – bevor es dann endgültig in Richtung Frohe Botschaft geht – noch mal etwas Nachdenkliches, mit überraschend aktuellem Bezug, obwohl ich diesen Text schon im Sommer geschrieben hab.

Er hatte von der Inquisition geträumt. Er wusste nicht, dass es die Inquisition war, denn diese lag noch weit in einer düstren Zukunft. Aber er hatte Frauen auf brennende Scheiterhaufen gesehen und Folterbänke mit schreienden Männern, denen glühende Eisen in Form eines Kreuzes ins Fleisch gebrannt wurden. Er hatte Reiterheerscharen gesehen, die in besinnungslosem Galopp durch nachtschlafende Lagerstätte von Pilgern und Schafshirten getobt waren und die alles niedergerissen und mit teertriefenden Fackeln in Brand gesetzt hatten. In ihrer Mitte, getragen von einem weißen Reiter ein riesiges, weiß gestrichenes Kreuz. Er hatte junge Frauen gesehen, die mit kochendem Öl übergossen und alte Männer, deren Leiber von zwei mächtigen Pferden auseinander gerissen wurden.

Überall um sich herum hatte er unerträgliche Grausamkeiten erblickt, von denen er nicht einmal geahnt hätte, dass Menschen dazu im Stande wären. Feuer, blitzendes Metall, Schreie, trampelnde Hufe und Blut, überall Blut, vergossen auf Straßen, Feldern, Altaren. In Flüsse und Meere gespült, die sich tiefrot verfärbten. Und immer wieder die Kreuze. Aus Holz, aus Metall, manche sogar aus Gold. Mal glänzend und funkelnd, mal rostig, mal brennend und hoch in den dunklen Himmel qualmend.

Dann hatte er Stimmen erkannt. In fremden Sprachen, die er gleichwohl plötzlich zu verstehen meinte. Es waren Worte, die ihr Anführer ihm und seinen anderen Begleitern beigebracht und erklärt hatte. Es waren die Worte, die sein ganzes Leben verändert hatten und die seither jeden Tag seines Daseins mit Sinn und Zukunft erfüllten. Und nun hörte er diese Gebete inmitten der Apokalypse. Vorgetragen von den Boten des Todes. Von Henkern und meuchelnden Reitern. Von alten Männern in weißen Kutten, die murmelnd mit ihren Fackeln Frauen und Männer verbrannten.

Und alle schlossen Sie immer mit dem einen, gleichlautenden Satz:

„Im Namen unseres Herrn, im Namen Jesus Christus“

Da hatte er vorwärts stürmen und schreiend sie stoppen wollen. Aber seine Stimme war unhörbar gewesen und er war nicht einen Meter voran gekommen, durch die tobende, unbändige Menschenmenge.

Dann wachte er auf.

Schweißgebadet richtete er sich auf und blickte wirr um sich. Er versuchte seinen Atem zu beruhigen und einen klaren Gedanken zu fassen. Leise stand er von seinem Lager auf. Seine Gefährten schliefen noch tief. Niemand hatte sein Erwachen bemerkt.

Obwohl ihm nicht klar war warum, wusste er, was er gesehen hatte. Er wusste, dass es die Zukunft war. Die Zukunft der Kirche, die zu begründen ihr Ziel war. Die den Menschen Gottes Wort und die Erlösung bringen sollte. Durch die Worte ihres Anführers, ihres Lehrers, Ihres Herren, Jesus von Nazareth.

Er wusste jetzt, dass sie scheitern würden. Und er wusste, was er zu tun hatte.

Ganz plötzlich ergab all das einen Sinn, was ihm vor dem Einschlafen noch so rätselhaft vorgekommen war. Darum war es ihm wie ein Abschied erschienen. Ihr Herr wusste, dass sie nicht die Richtigen waren. Er wusste, dass er auf ihren Schultern seine Kirche nicht errichten durfte und dass er sie daher verlassen musste.

Gott würde seinen Sohn erneut senden, dessen war er sich sicher. Er würde andere Jünger auswählen, stärkere, tugendhaftere, die sich dem Dunklen wahrhaft widersetzen würden. Aber dies hier musste jetzt enden. Und es musste ausradiert werden und gänzlich vernichtet, damit nichts übrig bliebe, um nicht doch noch jenes Grauen zu begründen, in dessen Untiefen er in seiner Vision geblickt hatte.

Er war immer ein Mann großer Zweifel gewesen und erst als er Jesus getroffen hatte, war er auf den Weg der Einsicht und der Ruhe gekommen. Doch jetzt war er sich zum ersten Mal in seinem Leben einer Sache zur Gänze und vollkommen sicher. Als Jesus am Ende ihres Mahles zu ihm gekommen war, ihn geküsst und gesagt hatte, „geh, und tue, was tu tun musst“, da hatte er zunächst geglaubt, dies sein ein Orakelspruch gewesen, eine Ankündigung für die Zukunft, die er erst viel später zu deuten wüsste. Jetzt war ihm klar, es war keine Vorhersage gewesen. Es war ein Auftrag.

Versunken in seine Gedanken, war er über eine Anhöhe gegangen, ohne überhaupt auf den Weg zu achten, ohne eigentlichen Plan, wohin er denn wollte. Jetzt sah er vor sich nicht weit entfernt, ein kleines Feuer leuchten. Er erkannte Helme, Rüstungen, ein Zelt. Er zögerte nicht und ging auf den Wachposten zu. Er war geführt worden, jetzt war er am Ziel.

„Wer da?“, fragte eine Stimme barsch aus dem Halbdunkel, „was willst Du hier Pilger? Wer bist Du?“

„Ich weiß, wo der ist, den Ihr sucht“, antwortete er mit ruhiger Stimme, „und mein Name ist Judas. Judas Ischariot.“


Drei Tage war er durch die Einöde geirrt. Ohne Ziel, ohne Verstand. Sein Herz war so leer, wie sein Geist. Besessen nur von dem unsäglichen Schmerz, das verraten zu müssen, was ihm im Leben das Liebste gewesen war. Tausend mal hatte er das Schicksal verflucht, das ihm diese erdrückende Last aufgebürdet hatte und tausend Mal hatte er dafür um Verzeihung gefleht. Längst hatte er keine Tränen mehr und es war reines Blut, das aus seinen leeren Augen über seine Wangen lief und zu braunen Klumpen vertrocknete. Er hatte nicht gegessen und nicht getrunken und er wusste schon lange nicht mehr, wo er war oder wohin ihn sein Weg führte.

Schließlich traf er auf eine Ansammlung von Menschen, die zu einem ihm unbekannten Ziel unterwegs waren. Willenlos lies er sich mit der Menge treiben, bis sie am Fuß eines Hügels angekommen waren. Es kam Bewegung in die Gruppe und immer mehr Volk stieß zu ihnen. Römer, Juden, Fremde. Einige jubelten, andere hörte er schluchzen, viele schienen nur neugierig und erstaunt.

Immer wieder drangen Wortfetzen an sein Ohr: „Er ist es wirklich“, „sie haben ihn“, „jetzt kehrt wieder Ruhe ein“, „also doch kein Messias“. Er erstarrte. Seine Verwirrtheit fiel von ihm ab, wie ein Mantel und er blinzelte gegen die sengende Sonne. Erst sah er nur Umrisse, unscharf, wie hinter einem Schleier. Doch schließlich gewöhnten sich seine Augen an das strahlende Licht und er erkannte drei mächtige Kreuze.

Er sank auf die Knie, alles Blut wich aus seinem Gesicht, steinweiß hockte er wie zu Marmor erstarrt auf dem Boden. Nur seine Lippen bewegten sich:

„Nein, nicht die Kreuze! Lasst ab von den Kreuzen! Sie werden sie zu ihren Symbolen machen.“

Aber seine Worte waren tonlos und ungehört.

1 Kommentar:

  1. OT: Ungarn wird zum Vorreiter bei quelloffener Medienberichterstattung

    Aus Österreich meldete sich bislang nur der direkt betroffene GPA-Vorsitzender Franz C. Bauer zu Wort und sprach von einem "unglaublichen Gesetz, das uns alle betrifft".

    Besonders kritikwürdig sei die Aufweichung des Informantenschutzes. "Damit ist in Ungarn das Redaktionsgeheimnis inexistent, es gibt keinen Informantenschutz mehr. Die ungarische Regierung stellt sich mit dieser Einführung der Zensur auf eine Ebene mit Diktaturen. Meinungsfreiheit ist damit in unserem Nachbarstaat beseitigt."

    http://kurier.at/nachrichten/2059778.php

    Wenn Zeitungen irgendwas berichten und sich dann weigern, ihre Quellen offenzulegen, kann das natürlich mißbraucht werden. Ungarn ist nur konsequent, wenn es nun für quelloffene Medien eintritt. Eben das war eine der Visionen von Wikileaks.

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