Direkt zum Hauptbereich

Zwischenruf: Eine kleine Geschichte vom Balkan

Gestern Abend hat mir mein Kollege, der als ständiger Betreuer unseres Kooperationsprojekts in Mazedonien sechs Monate hier in Skopje vor Ort ist, eine hübsche kleine Geschichte erzählt, die sehr typisch für die Menschen und die Mentalität ist und die ich daher gerne mit Euch teilen möchte.

Zum orthodoxen Weihnachtsfest hatte dieser Kollege Freunde aus Österreich zu Besuch in Skopje. Da er hier kein Auto hat, sie aber ein wenig das Umland anschauen wollten, sind sie am Samstag nach dem Feiertag zum nächsten Autoverleih marschiert, um sich für einen Tag einen kleinen Wagen zu mieten. Wieviel denn ein Economyfahrzeig für einen Tag kosten würde, fragen sie den Chef der Verleihfirma. Für 45,- Euro pro Tag hätte er einen Fiesta für sie. „Prima“, erwidern die Freunde, „nehmen wir.“


Der Verleiher runzelt darauf etwas die Stirn und fragt, wann sie das Auto denn zurückbringen würden. „Naja“, sagt mein Kollege, „entweder heute abend noch, oder morgen früh.“ Darauf schaut sie der Mann recht unglücklich an und erklärt, das wäre nicht gut. Es wäre außerhalb der regulären Geschäftszeit und da müsste er leider 15,- Euro Sondergebühr verlangen.


Der kleine Trupp rechnet kurz nach, 45 plus 15, also 60,- Euro, das ist immer noch vergleichsweise günstig. „Macht nichts“, melden sie gutgelaunt, „das ist schon ok so.“


Der Vermieter scheint mit dieser Entscheidung aber erst recht unglücklich zu sein. Er schweigt und grübelt einen Augenblick, dann greift er zu einen riesigen Taschenrechner, tippt eifrig darauf herum und verkündet dann: „Ich mach Euch ein Angebot. Ihr bekommt den Wagen für zwei Tage für insgesamt 55,- Euro und dafür versprecht Ihr mir, dass Ihr ihn auf keinen Fall vor Montag 10 Uhr zurückbringt.“


Ich finde diese Episode unheimlich nett. Und spannend ist vor allem die unterschiedliche Reflexion darauf: Mein Kollege erzählt die Begebenheit als Indiz und Beleg dafür, dass, wie er meint, aus diesem Teil Europas hier niemals etwas werden kann und dass es kein Wunder sei, dass hier alles so darniederliegt. Bei so einer Einstellung.


Ich sehe die Geschichte hingegen vielmehr zum einen als nettes Beispiel für eine gewisse Flexibilität, vor allem aber als Ausdruck einer Lebenseinstellung, die dafür sorgt, dass die Länder des Balkans trotz der von meinem Kollegen beklagten Wirtschafts- und Infrastrukturschwäche im Zufriedenheitsbarometer der Weltgesundheitsorganisation regelmäßig weit vor Deutschland oder gar Österreich liegen.


Kurz gesagt: Geschäft ist gut, aber nicht alles!

Danke, Autoverleih.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zwischenruf: Zehn Antworten zu den – laut Piraten Partei – „zehn wichtigsten Punkte einer Urheberrechtsreform“

Nachfolgend 10 Antworten auf die von der Piraten Partei aufgestellten „zehn wichtigsten Punkten einer Urheberrechtsreform“. Die kursiv geschrieben Textteile entstammen der Website der Piraten Partei, Stand 21.5.2012 (http://www.piratenpartei.de/2012/05/21/die-zehn-wichtigsten-punkte-einer-urheberrechtsreform/) Die Antworten spiegeln in Meinung und Wissen des Autors. 1. Verkürzung der Schutzfristen auf 10 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Die aktuellen Schutzfristen (70 Jahre nach dem Tod des Urhebers) nutzen und dienen in erster Linie den Rechteinhabern. Das Problem der Nichtverfügbarkeit vieler Werke gründet sich nicht zuletzt auch in diesen übermäßig langen Schutzfirsten, da viele Werke oft nicht neu aufgelegt oder neu vermarktet werden und trotzdem nicht freigegeben sind.   Die Länge der Schutzfristen kann durchaus diskutiert werden. Die derzeit gültigen 70 Jahre nach dem Ableben eines Urhebers entstammen natürlich einer Zeit, die langlebiger war und sind letztendlich eine...

NAKED IDENTITY - WER IST DANIEL C? Lesung & Diskussion im Livestream

Hier gibt's die Aufzeichung der aktuellsten Lesung aus NAKED IDENTITY - WER IST AYA? vom 7. Juni im Hoch2Werk in Köln.   Und außerdem sind hier alle Mitschnitte aller Livestreams von der NAKED IDENTITY - Lesetour 2024 zu finden.

Out now: Mord im Dreiländereck - die Anthologie zur CRIMINALE 2019

Wieder hat eine Reihe großartiger Krimiautorinnen und -a utoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit ihren criminellen Beiträgen eine CRIMINALE-Anthologie auf den Weg gebracht- auf die schiefe Bahn? Jedenfalls Richtung Westen, diesmal. Mit der ganzen Bandbreite, die Kurzkrimis zu bieten haben, von daramtisch bis komisch von nachdenklich bis unerträglich spannend - auf jeden Fall aber höchst unterhaltsam. Umsomehr freue ich mich, mit der Kurzgeschichte "Warum nur, bleibt alles so still?" in dieser Phalanx der Krimi-Cracks dabei sein zu können.   Mord im Dreiländereck Kurzkrimis aus der Region Aachen Karl der Große, der Sachsenschlächter, hat Maßstäbe gesetzt – da lassen sich die Krimi-Könner vom Syndikat nicht lumpen! Sie haben die Karlsstadt Aachen als Zentrum ihrer literarisch-kriminellen Aktivitäten auserkoren. Hier veranstalten sie 2019 die CRIMINALE, das größte Festival des deutschsprachigen Krimis. Aus diesem Anlass stöbern sie in einundzwanzig Kurz...