Freitag, 4. Februar 2011

Zwischenruf: Eine kleine Geschichte vom Balkan

Gestern Abend hat mir mein Kollege, der als ständiger Betreuer unseres Kooperationsprojekts in Mazedonien sechs Monate hier in Skopje vor Ort ist, eine hübsche kleine Geschichte erzählt, die sehr typisch für die Menschen und die Mentalität ist und die ich daher gerne mit Euch teilen möchte.

Zum orthodoxen Weihnachtsfest hatte dieser Kollege Freunde aus Österreich zu Besuch in Skopje. Da er hier kein Auto hat, sie aber ein wenig das Umland anschauen wollten, sind sie am Samstag nach dem Feiertag zum nächsten Autoverleih marschiert, um sich für einen Tag einen kleinen Wagen zu mieten. Wieviel denn ein Economyfahrzeig für einen Tag kosten würde, fragen sie den Chef der Verleihfirma. Für 45,- Euro pro Tag hätte er einen Fiesta für sie. „Prima“, erwidern die Freunde, „nehmen wir.“


Der Verleiher runzelt darauf etwas die Stirn und fragt, wann sie das Auto denn zurückbringen würden. „Naja“, sagt mein Kollege, „entweder heute abend noch, oder morgen früh.“ Darauf schaut sie der Mann recht unglücklich an und erklärt, das wäre nicht gut. Es wäre außerhalb der regulären Geschäftszeit und da müsste er leider 15,- Euro Sondergebühr verlangen.


Der kleine Trupp rechnet kurz nach, 45 plus 15, also 60,- Euro, das ist immer noch vergleichsweise günstig. „Macht nichts“, melden sie gutgelaunt, „das ist schon ok so.“


Der Vermieter scheint mit dieser Entscheidung aber erst recht unglücklich zu sein. Er schweigt und grübelt einen Augenblick, dann greift er zu einen riesigen Taschenrechner, tippt eifrig darauf herum und verkündet dann: „Ich mach Euch ein Angebot. Ihr bekommt den Wagen für zwei Tage für insgesamt 55,- Euro und dafür versprecht Ihr mir, dass Ihr ihn auf keinen Fall vor Montag 10 Uhr zurückbringt.“


Ich finde diese Episode unheimlich nett. Und spannend ist vor allem die unterschiedliche Reflexion darauf: Mein Kollege erzählt die Begebenheit als Indiz und Beleg dafür, dass, wie er meint, aus diesem Teil Europas hier niemals etwas werden kann und dass es kein Wunder sei, dass hier alles so darniederliegt. Bei so einer Einstellung.


Ich sehe die Geschichte hingegen vielmehr zum einen als nettes Beispiel für eine gewisse Flexibilität, vor allem aber als Ausdruck einer Lebenseinstellung, die dafür sorgt, dass die Länder des Balkans trotz der von meinem Kollegen beklagten Wirtschafts- und Infrastrukturschwäche im Zufriedenheitsbarometer der Weltgesundheitsorganisation regelmäßig weit vor Deutschland oder gar Österreich liegen.


Kurz gesagt: Geschäft ist gut, aber nicht alles!

Danke, Autoverleih.

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