Donnerstag, 26. April 2012

Zwischenruf: Die Hits der 80er, der 90er und von heute


Eine kurze Geschichte der Popkultur

Kaum ein Teenager gerät heute noch wegen seines Musikgeschmacks mit seinen Eltern überquer, denn seit Anfang des Jahrtausends ist die Entwicklung der Popmusik nahezu zum Stillstand gekommen. Es gibt keine neuen Genres mehr, die 2010er sind bereits das zweite Jahrzehnt, das keinen eigenen Sound mehr hervorbringt. Ein Folge der Gratiskultur im Internet, behaupte ich mal, selbst Musiker, Musikproduzent, ehemaliger Labelinhaber und Schriftsteller. Denn wenn den Plattenfirmen die Umsätze weg brechen und das Geld ausgeht, wird alles gestrichen, was nicht bereits schon Erfolg hatte. No risk no fun. Und so könnte mittelfristig  auch die Freude am Entertainment verloren gehen. Selbst wenn es umsonst ist.

Seit nunmehr geraumer Zeit steht ein Thema im Rampenlicht, mit dem sich zuvor wohl nur eine Minderheit überhaupt je beschäftigt hat. Das Urheberrecht – meist synonym für die gesamte Wertschöpfungskette der Kultur- und Unterhaltungsbranche verwendet – ist zum Zankapfel geworden und spaltet Diskussionsforen, Stammtische, Medien und nicht zuletzt die Politik in zwei Lager. Jene, die auf den nicht nur freien sondern auch kostenlosen Austausch von Daten und Inhalten über das Internet pochen und jene, die Arbeiten, die zur Herstellung eines Produktes notwendig sind, gerne bezahlt bekommen hätten, auch dann, wenn das Produkt nicht aus Holz, Stahl oder Kunststoff besteht, sondern digital und damit in leicht kopierbarer Form vorliegt.

Viele Emotionen sind im Spiel, Fakten und Zahlen tauchen nur selten auf, was vor allem daran liegt, dass sich irgendwie viele betroffen fühlen, aber nur wenige wirklich wissen, worüber sie reden. Urheberrecht, Verwertungsrecht, Leistungsschutzrecht, Filesharer, Up- und Download, es ist ja auch zu verwirrend.

Noch seltener wird jedoch über Konsequenzen und Folgen gesprochen oder überhaupt nachgedacht, was hiermit nun einmal getan werden soll.

Wie ein Stück Popkultur entsteht

Wer sich Gedanken über die Auswirkungen der kostenlosen Verbreitung von Musik, Filmen und Literatur durch digitales copy&paste machen will, braucht nicht allzu viel Fantasie. Im Bereich der Popmusik, der als erster von den neunen Möglichkeiten überrollt wurde, sind diese schon sehr gut zu beobachten. Wer aber die Folgen ergründen will, sollte zunächst reflektieren, wie ein Stück Popkultur, im Musikbereich, also ein neues Genre entsteht.

Natürlich, wer an Rock n’ Roll denkt, hat Bill Haley oder Elvis Presley im Sinn, das Beat-Zeitalter läuteten - logisch - die Beatles ein, Flower Power die Mamas and Papas, Soul wurde mit Aretha Franklin groß und Grunge wäre ohne Nirvana genauso wenig zu einem Massenphänomen geworden wir Punk ohne die Sex Pistols. Natürlich.

Natürlich gebührt all den Genannten und vielen anderen der Respekt vor ihrer künstlerischen und kreativen Leistung, sie haben fraglos jeweils ihre Jahrzehnte und viele musikalische Erben geprägt, sie alle eint jedoch auch, dass sie niemals über den Dunstkreis ihrer Proberäume hinausgekommen wären, hätte es nicht Unternehmen gegeben, Plattenfirmen und Musikverlage, die in diese Künstler investiert hätten. Die sie aufgebauten, ihre Plattenproduktionen finanziert, das Marketing, die Garderobe, die Fotografen bis zum Artwork für die Plattenhüllen.

Try and Error Business

Im Kulturbetrieb auch und ganz besonders in der populären Kultur spricht man nicht gerne von Investments. Man redet lieber von Entdeckern, das klingt mehr nach Leidenschaft und weniger nach Geschäft. Und dennoch wissen alle Beteiligten, dass aus einer originellen Idee nur dann ein Hit, ein Trend, eine Welle, eine Bewegung oder eben gar ein eigenes Genre wird, wenn es sich am Ende des Tages rechnet. Wenn sich das Investment gelohnt hat. Und wenn das Investment groß genug war, um mit der Idee die Massen zu erreichen.

Das Dumme am Musikgeschäft, ebenso wie in der Belletristik oder dem Filmbusiness, ist, dass niemand genau vorhersagen kann, was ein Hit wird, ein Bestseller oder ein Blockbuster. Zwar gibt es Talente mit einem besonders guten Riecher, und mit genug Marketinggeld lässt sich auch einiges erreichen, aber sicher sein kann man eben nie.

Und so ist das Popkulturgeschäft schon immer ein Try and Error Business gewesen. 10 Flops, ein Hit, wenn es gut läuft. Und der Hit muss die anderen mitfinanzieren, der Beststeller muss das Geld für die Talentförderung bringen, sonst funktioniert das ganze Spiel nicht.

Rationalisieren und Synergien heben

Was aber geschieht, wenn die Umsätze sinken, wenn die Margen schwinden und die Rendite ausbleibt? In der Welt des Entertainment nichts anderes, als im Baugewerbe, in der Autobranche oder bei Halbleiterproduzenten: es wird gespart, Risiken werden minimiert, es wird Rationalisiert und Synergien werden gehoben. Mit anderen Worten, man holt aus dem, was man hat, das Maximale heraus und setzt auf Bewährtes. Nur keine Experimente.

Die Hits der 80er, der 90er und von Heute

Und genau das ist seit gut anderthalb Jahrzehnten in der Popmusikbranche geschehen. Das Resultat lässt sich mit dem Einschalten des Radios leicht überprüfen. Etwa seit der Jahrtausendwende gibt es keine neue Musikrichtung mehr. Erstmals, seit Erfindung des Grammophons. Die Jugend der Nuller und der 2010er Jahre sind die erste Generation Teens und Twens, die sich über keine eigene Stilrichtung mehr definieren können. Nichts, was sie heute im Radio, in Clubs, auf Konzerten oder auf Festivals hören, haben ihre Eltern nicht auch schon gekannt. Der klassische Spruch der alten Herrschaften „das ist doch nur Krach und keine Musik sein!“ dürfte bald schon so gut wie ausgestorben sein.

Der Claim vieler sogenannter Hitradios, wie des österreichischen Marktführers Ö3 beispielsweise, lautet „Wir spielen die Hits der 80er, der 90er und von Heute“. Gleich doppelt zeigt sich darin das Malheur. Zum einen sind die 00er-Jahre offenkundig musikalisch so unbedeutend, dass sie in diesem Wiedererkennungstext einfach weggelassen werden können, ohne, dass es überhaupt jemandem auffällt. Und zweitens hat es das noch niemals zuvor gegeben, dass ein „Hitradio“ Hits aus gleich vier Jahrzehnten präsentiert, und damit sein Publikum erreicht.

Man stelle sich das Jahr 1983 vor. Bayern 3, „Pop nach Acht“, die Geburtsstunden von Thommy Gottschalk und Fritz Egner, das Jahr in dem Michael Jackson den Moonwalk erfand, als die Eurythmics neue Maßstäbe setzten und die Neue Deutsche Welle begann das Land zu überrollen. „Wir spielen die Hits der 50er, 60er und von Heute“? Niemand könnte sich vorstellen, diesen Satz damals von Thomas Gottschalk im Ernst je gehört zu haben. Chubby Checker und Peter Kraus in einer Sendung mit Nena und Depeche Mode? Niemals.
Wohl gab es Chubby Checker auf Bayern 3 im Jahr 1983. Sonntagabends von 9 bis 10 Uhr in einer Sendung namens „Goldtimer“.

Sven Regener von Element of Crime hat es in seiner mittlerweile Kult gewordenen Wutrede in einem Nebensatz erwähnt. Es gibt keine endemische Musik mehr. Und das nicht, weil der Jugend nichts mehr einfiele oder weil alte, bösartige Säcke in den Musikredaktionen der Radiosender Neues zu verhindern wüssten, sondern schlicht, weil den Plattenfirmen das Geld fehlt, um Neues zu wagen. Sie können es sich nicht mehr leisten, Flops zu riskieren, um unter zig Versuchen ein neues Juwel zu entdecken. Und so wird in schier endlosen Schleifen alles schon Dagewesene neu aufgegossen und, wenn überhaupt, mit ein paar Ergänzungen in der Bezeichnung als neue Stilrichtung verkauft, in der Hoffnung, dass es möglichst niemandem auffällt. Vielleicht hat man Glück und die Sechzehnjährigen, die heute Green Day zujubeln erfahren gar nicht, dass es Punk schon in den 70ern gegeben hat und dass der damals viel härter, viel dreckiger und vor allem viel sexier war.

Das Durchschnittsalter der Headliner beim diesjährigen Rock am Ring Festival beträgt 44,2 Jahre, wobei Linkin Park mit einem Alterschnitt von knapp 35 noch die „Küken“ sind, die anderen gehen alle stramm auf die 50 zu. Jugendkultur im Jahr 21 des Internets.

Der endlose Fluch der Karibik

Aber auch in den anderen Branchen, bei Film und Belletristik sind die Folgen der schrumpfenden Ressourcen bereits zu erkennen. In regelmäßigen Abständen beklagt das Feuilleton seit ein paar Jahren – zur Recht – dass „Hollywood im Sequel-Wahn“ (Spiegel-Online 11.7.2011) sei. Acht Harry Potter Filme, fünf mal Fast & Furious, vier Flüche der Karibik, die Aufzählung könnte endlos sein. Aber der Grund dafür ist keine kreative Krise der Drehbuchautoren, sondern die schlichte Rationalisierung, der Zwang erstens erfolgreich und zweitens kosteneffektiv zu sein. Wer einen Titel, eine Story, ein Schauspielerensemble nicht neu vermarkten und bekannt machen muss, spart schon  immens beim Marketing, außerdem muss kein neues Design bezahlt, Studio-Sets können wiederverwertet oder – wie bei Herr der Ringe 2 und 3 oder den selbigen Nummern von Matrix – gleich mehrere Filme auf einmal gedreht werden.
Was der Autoindustrie die Modellplattformen sind auf denen dann VW-Passate, Skoda-Octavias oder Seat Leons in verschiedensten Variationen günstig fabriziert werden können, das sind Hollywood die Franchise-Serien.

Und selbst in die Buchgeschäfte, die bislang noch am wenigsten von der unbezahlten digitalen Verbreitung Ihrer Waren betroffen sind, kann man die Anzeichen beim Gang durch die Regale erkennen. Zuweilen hat man das Gefühl, dass jemand fertige Grafikvorlagen für Buch-Cover an Verlage verkauft, die – je nach Genre - alle aussehen, wie das Titelbild von „PS: ich lieb Dich“ oder Variationen von Dan Browns „Illuminati“. Hat ein Buch einmal erfolg, wird versucht allein schon durch Artwork und Titelgebung, das Meistmögliche mit der „me to“-Methode herauszuholen.

Die kurze Geschichte der Popkultur

Transparenz ist eines der Lieblingswörter der Piraten-Partei. Zu Transparenz gehört neben der Offenlegung von Fakten auch das Aufzeigen von Konsequenzen. Es stünde daher allen, die sich vehement für die Aufweichung der Urheber- und Verwertungsrechte einsetzen gut zu Gesicht, auch darauf aufmerksam zu machen, dass dies Folgen haben wird und diese zu diskutieren. Ein Anfang sei mit diesem Hinweis gemacht, dass, wenn dieser Weg weiter beschritten wird, die Geschichte der Popkultur alles in allem eine kurze gewesen sein könnte.



1 Kommentar:

  1. Also das stimmt so nicht ganz.Plattenfirmen (jedenfalls die grossen) haben noch nie gerne was riskiert ,sondern waren eigentlich immer nur an Verkaufszahlen interessiert.
    Die sind dann immer erst auf den fahrenden Zug aufgesprungen und haben alles soweit kommerziallisiert bis es keiner mehr hören konnte.

    Also Metallica in den frühen 80igern ihr erstes Demotape aufnahmen , verbreitete es sich nur durch Fans und Mundpropaganda und das wie ein Lauffeuer (Weltweit) bevor auch nur eine Plattenfirma bemerkte das da was neues kam.

    Und genauso war es in den 90igern mit dem Techno.
    Die neuen Generes wurden immer aus einer Subjugendkultur herausgeboren in der man experimentierfreudig war und sich nie damit abgefunden hätte die Musik seiner Eltern zu hören.

    Zugegeben ein Kurt Kobain wird nicht jeden Tag geboren aber gerade heute wo man soviele Möglichkeiten hat neue Musik zu kreieren und sie dann auch noch selbst zu Veröffentlichen und das ganz ohne Plattenfirma muss sich meiner Meinung nach die junge Generation schon den Vorwurf gefallen lassen das sie Unkreativ und angepasst sind.

    Auf die Frage "Was hörst du denn für Mucke?" wurde in den 80iger fundiert mit Stilrichtung und Bandnamen geantwortet.

    Heute lautet die Antwort in 99% aller Fälle schlicht und einfach "Ich höre alles".

    Belangloser geht's nicht!

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