Sonntag, 13. Mai 2012

Zwischenruf: Demokratische Basisarbeit – oder: warum Piratenflaggen nicht weiß sind

An einem Freitagabend – es sind immer Freitagabende – war es mal wieder soweit, meine Waschmaschine ist mir verreckt. Sie kennen das: die Waschküche steht knöcheltief unter Wasser und aus dem Gerät gibt die eiernde Schleudertrommel Töne von sich, die einen schwer an ein Kettensägenmassaker erinnern. Nachdem ich panisch den Stecker gezogen hatte und nachfolgend auf allen Vieren bemüht war, den Estrichboden zu trocknen, während oben mein Abendessen langsam erkaltete, kochte in mir die Wut des gepeinigten Bürgers empor.

Es war dies nun das schon dritte Mal innerhalb von kaum 20 Jahren, dass diese Wäschemühle repariert werden musste, offenkundig hatten die sogenannten Servicefachleute von Tuten und Blasen keine Ahnung und erst recht nicht von meinem Waschvollautomaten und ergo würde ich es diesmal anders angehen. Cleverer, besser, moderner, interaktiv.

Da ich am darauffolgenden Montag mangels sauberer Kleidung ohnehin nicht zur Arbeit gehen konnte, schwang ich mich kurz nach Sieben in der Früh ans Telefon und klingelte drei verschiedene Elektroinstallateurfirmen durch. Ich schilderte ihnen meinen Status und forderte sie auf, mir neben eines Kostenvoranschlages auch einen detaillierten Projektplan für die Instandsetzung meines defekten Gerätes zu übermitteln, inklusive präziser Funktionsbeschreibung und Umsetzungsskizzen.

Dieses Mal würde ich nicht einfach nur – der Empfehlung meiner Nachbarin folgend – einen dieser Pseudofachleute wählen und dann Augen zu und durch. Diesmal würde ich die Entscheidung auf basisdemokratische Beine stellen und dann dranbleiben und den ganzen Prozess super transparent gestalten und genau kontrollieren.

Noch am gleichen Nachmittag setzte ich im Internet dazu eine offene Diskussions- und Abstimmungsplattform auf und also ich dann etwa drei Wochen und geschätzte 60 Telefonate später tatsächlich die geforderten Unterlagen vorliegen hatte, scannte ich alles und lud die drei Angebote mitsamt den ca 140 Seiten Projekt- und Funktionsbeschreibungen mitsamt allen Schaltkreisdiagrammen und Sicherungsspezifikationen auf meine neue Website – theliquidewashmachine.org.

Dann schickte ich Einladungen an alle meine echten und virtuellen Freunde aus, sie mögen sich doch bitte an der Diskussion und Abstimmung zur Auswahl meines Waschmaschinenreparatuers beteiligen. Die Resonanz war überwältigen. Alle kannten das Leiden und es schien, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich dabei sein zu können, es endlich besser zu machen und sich vom Diktat der Fachleute zu befreien. Fast war sogar ich selbst überrascht, wie viele meiner Bekannten sich offenbar bereits jahrelang mit dem Innenleben elektrischer Haushaltsgeräte beschäftigten, so geballt, war das Fachwissen, mit dem sie sich auf die vorgelegten Entwürfe stürzten.

Nachdem sich der Staub der ersten paar dutzend Shitstorms gelegt hatte, wurde schnell klar, dass keines der präsentierten Konzepte auch nur annähernd zur Genesung meiner nun schon seit über einem Monat brachliegenden Waschhaushaltshilfe geeignet war. Aber wen wundert’s? Kommerz- und egogetrieben wie die Welt der Elektriker und Installateure nun einmal ist. Über die eingereichten Kostenschätzungen konnte meine neugegründete Community ohnehin nur noch einvernehmlich *lol*en.

Immerhin hatten einige der besonders Eifrigen, nämlich jene drei, die die hochgeladenen Projektpläne doch tatsächlich gelesen hatten – übrigens ein Volkswirtschaftsstudent, ein Opernsänger zwischen zwei Engagements und eine Juristin, die zurzeit im Wirtschaftsministerium hospitiert – erkannt, dass ein paar brauchbar Elemente in allen der vorgelegten Konzepte zu finden waren, und so wurde beschlossen – mit über 80% Zustimmung, aber das nur am Rande – dass ein idealer Umsetzungsplan in kollektiver Eigenarbeit erstellt und über diesen dann abgestimmt werden sollte. Die drei Vorlauten, die versehentlich zu erkennen gegeben hatten, dass sie dafür tatsächlich etwas Zeit übrig haben könnten, wurden kurzerhand zu Moderatoren dieses einzigartigen und spannenden Prozesses gewählt, wobei ich – als Initiator und direkt Betroffener – zum koordinierenden Vorsitzenden der Projektgruppe bestimmt wurde, natürlich ohne Stimmrecht und mit auf 18 Monate beschränktem Mandat. Nur weil mir die Waschmaschine gehörte, sollte schließlich nicht der Anschein entstehen, ich hätte mehr zu sagen als alle andern.

Der erste Vorschlag, den die AG WaschRep 2.0 nach rund sechswöchigen Beratungen zur Abstimmung einreichte, wurde erwartungsgemäß mit Pauken und Trompeten abgeschmettert. Zwei Basismitglieder unserer Bewegung waren je drei Wochen lang auf Urlaub gewesen und hatten daher den täglichen Web-Stream unserer Verhandlungen nicht verfolgen können. Aufs höchste verärgert –aus der Distanz betrachtet muss man natürlich gestehen, zu Recht – starteten sie eine kurze aber heftige Kampagne gegen unsere „Hinterzimmermethoden“ und da auch sonst niemand die Liveübertragungen im Internet gesehen hatte, war dieser erste Entwurf damit rasch vom Tisch. Vermutlich wäre er ohnehin nicht finanzierbar gewesen. Aber dazu hatten wir uns zu dem Zeitpunkt noch keine Meinung gebildet, die Budgetverhandlungen wurden per Mehrheitsbeschluss abgekoppelt und für einen späteren, noch zu definierenden Zeitpunkt festgesetzt.

Zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Entwurf kam das Projekt etwas ins Stocken, da der Tenor unerwartet ein Engagement am Stadttheater in Celle bekommen hatte und sich seine Probenzeiten nicht mehr mit unseren Entwicklungsrunden im Chat vereinbaren ließen. Es musste also ein Ersatz gewählt werden, was eine gewisse Verzögerung durch den leicht eskalierenden Wahlkampf mit sich brachte, in dem jeder Kandidat und jede Kandidatin – es waren deutlich mehr Kandidaten als Kandidatinnen, weswegen ich der Einfachheit halber im Weiteren auf die feminine Form verzichten werde. Dein Einverständnis voraussetzend, liebe Judith - sehr viel Energie darauf verwendete, darzulegen, warum er für diesen Personenkult für sich persönlich ablehnte und daher eher ungern gewählt werden möchte.

Es war dann zwar ein recht durchsichtiges, und damit ja immerhin auch irgendwie transparentes Manöver, dass Judith sich schließlich unter der Bedingung wählen ließ, dass ich bei Ihrer Plattform zur kollektiven Planung eines Kräutergartens vor der Grundschule den Co-Vorsitz übernahm, und ließe sich diskutieren, ob diese Vereinbarung basismoralisch einwandfrei war, aber das würde an hier wohl zu weit führen.

Jedenfalls nahm der Entscheidungsfindungsprozess nun wieder Fahrt auf und wie der Zufall es wollte, genau an dem Tag, an dem sich der technische KO in meiner Waschküche jährte, gelang uns der Durchbruch. Eine satte Zweidrittelmehrheit stimmte für den Entwurf 24 B/1.

Kritiker mögen einwerfen, dass das in erster Linie dem Spiel des örtlichen Fußballvereins um den Aufstieg in die zweite Landesliga geschuldet war, wegen dessen an der kurzfristig anberaumten Abstimmungsrunde neben mir nur Judith und die 14-jahrige Schwester unseres Volkswirtschaftlers als Vertretung teilnahmen, aber mit solchen Spitzfindigkeiten kann uns niemand den epochalen Meilenstein anpinkeln, mit dem wir der Entwicklung des Haustechnikerwesens eine völlig neue Richtung gewiesen haben.

Und wenn Sie jetzt fragen, ob die Waschmaschine denn nun – nachdem einen rumänischer Gastarbeiter unseren kollektiven Reparaturplan in die Tat umgesetzt hatte – auch wieder funktionierte, so sage ich ihnen gleich, dass ich den zynischen Hintergedanken bei dieser, als naheliegend getarnten Fangfrage natürlich durchschaue.

Lautet die Antwort „nein“, dann blicken Sie mitleidig, schütteln den Kopf und murmeln abfällig „das war ja wohl klar“. Sage ich „ja“, dann kommen Sie mir als nächstes mit irgendwelchen Ausführungen über das Urheberrecht an den ursprünglichen Konzepten, aus denen wir die wenigen brauchbaren Einzelteile zu einem funktionierenden Neuen zusammengetragen haben und dass dieses Recht angeblich bei den Möchtegerninstallateuren liegen soll, die uns für ihren Pfusch auch noch horrende Rechnungen gestellt hätten. Nein, nein, nein, aber nicht mit mir.

Ich sage Ihnen daher lediglich, dass wir das Projekt als durchschlagenden Erfolg bewerten. Ich bin jetzt stolzer Besitzer der goldenen Kundenkarte des lokalen Waschsalons und unsere Grundschule wird einen Ehrenpreis für Ihren Kräutergarten gewinnen. Genaugenommen ist es ein Glashaus.

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